Zur Homepage der Verkehrswerkstatt.de
 Pressearchiv    2001/II      Suchen   Gewusst wie   Info 
  Pressearchiv

Flugzeugattentate auf Kernkraftwerke bieten Terroristen nur geringe Erfolgschancen
Terrorgefahr: Kernkraftwerke baulich sicher gegen Militärjet-Absturz ausgelegt – Passagierflugzeuge verursachen keinen größeren Schaden als eine Phantom

VDI nachrichten 19.10.2001, S. 28

Von E. W.

Terrorangriffe mit Passagierflugzeugen auf deutsche Kernkraftwerke führen kaum zum Ziel. Grund: die bauliche Vorsorge gegen den Absturz eines Militärjets mit etwa 800 km/h schützt auch vor dem Absturz eines Passagierflugzeuges, da dieses größere Knautschzonen hat und maximal 400 km/h in Bodennähe fliegt.
Terroristische Attacken mit Passagierflugzeugen auf deutsche Kernkraftwerke mit der möglichen Folge eines Kernschmelzunfalls hält der VDI für unwahrscheinlich. Im Vergleich mit anderen Industrieanlagen verfügen Kernkraftwerke über ein sehr hohes Sicherheitsniveau. Seit der Einführung der Leitlinie 19.1 der Reaktorsicherheitskommission von 1974 für deutsche Atomkraftwerke wurden bei der Auslegung auch Flugzeugabstürze berücksichtigt. Es ging um den Aufprall eines militärischen Strahltriebflugzeugs (zunächst Starfighter, später Phantom F4) mit Auswirkungen von Trümmern, Wrackteilen und Treibstoffbränden. Entscheidend für die Auslegung der in gedrungener Massivbauweise errichteten Kraftwerkshülle sind dabei Ausrichtung, Masse und Geschwindigkeit der Triebwerke mit ihren schweren Turbinenwellen aus Stahl, wobei der ungünstigste Fall eines Aufpralls unter 90 Grad auf die Hülle unterstellt wird. Für die Phantom F4 nahm man eine Aufprallgeschwindigkeit von 215 m/s (774 km/h) an. Die Kollision mit dem restlichen Flugzeug ist unkritisch, weil beim Zusammenstoß eine dünnwandige und weiche Konstruktion aus Leichtmetall auf eine harte dickwandige und fest verankerte unnachgiebige Struktur der Kraftwerkshülle aus Stahlbeton trifft. Im Vergleich zum Aufprall eines Militärflugzeugs ließe sich die Kollision mit einem Linienflugzeug als weniger bedrohlich einstufen, so Hubertus Christ, Präsident des VDI.
Das Passagierflugzeug hat zwar eine größere Masse, aber gleichzeitig größere Knautschzonen als der Militärjet. Auch hier ist der Aufprall des Triebwerkes mit seiner harten Turbinenwelle der kritische Fall. Die Masse eines solchen Triebwerkes sei zwar vier Mal größer als die eines Militärjets, betont Christ, aber in Bodennähe könne ein Passagierflugzeug maximal 400 km/h erreichen. Da die Geschwindigkeit mit ihrem Quadrat in die Energie eingeht, folgt daraus, dass beim Aufprall des Triebwerkes auf die Reaktorhülle keine größere Energie umgesetzt wird, als bei dem vergleichbaren Aufprall des Triebwerks einer Phantom F4. So würde also die Verteilung der Masse in einem großen Flugzeug, etwa die Anordnung der Turbinen und das große Verformungspotential des Rumpfes, im Unterschied zum Militärjet einen Aufprall erheblich abmildern und damit keinen größeren Schaden als ein Militärjet anrichten. Im Vergleich zu den 480 m hohen Türmen sind Kernkraftwerke mit etwa 45 m Höhe aber deutlich schwieriger anzufliegen und damit schlechter zu treffen, insbesondere an ihren sensiblen Stellen. Bei einem vor Jahren von den Japanern in den USA in Auftrag gegebenem Test ließ man eine von Raketen geschobene Phantom-Maschine gegen eine 3 m dicke Betonwand rasen. Dabei wurde das Flugzeug völlig zerlegt, während am Beton nur wenige Abplatzungen zu beobachten waren.
„Von den Kernkraftwerken in Deutschland sind allerdings fünf nicht explizit gegen Flugzeugabsturz ausgelegt,“ so Christ. Gleichwohl verfügten auch sie über einen „weitreichenden Schutz gegen Flugzeugabsturz“, wie angesichts der massiven Bauweise und der Auslegung gegen Erdbeben zu erwarten sei. Vier Kernkraftwerke sind gegen Abstürze von Starfightern ausgelegt, die übrigen zehn gegen den Absturz einer Phantom F-4.

Das hohe Sicherheitsniveau aller Kernkraftwerke werde durch mehrere, räumlich getrennte Kühlsysteme und das „Mehrbarrieren-Konzept“ gewährleistet, unterstreicht Christ. Dazu zählten hauptsächlich das Reaktorgebäude mit bis zu 2000 mm dicken Wänden, der sich anschließende Sicherheitsbehälter aus 40 mm dickem Stahl und die meterdicken Betonstrukturen, in die der Reaktordruckbehälter mit 150 mm dicken Stahlwänden eingebettet ist. Vorgelagerte Gebäude und die geografische Lage bieten bei vielen Anlagen weiteren Schutz gegen absichtlich herbeigeführte Flugzeugabstürze. Infolge der geringen Erfolgschancen böten Kernkraftwerke somit kein bevorzugtes Ziel für auf maximalen Schadenseffekt ausgerichtete Selbstmordattentäter, resümiert der VDI-Präsident. Kernkraftwerke abzuschalten, um Terrorangriffe zu verhindern, bringe keinen Gewinn an Sicherheit, da das radioaktive Inventar zur Abkühlung mindestens ein Jahr in der Anlage verbleiben müsse. Die Sicherheit von Zwischenlagern für verbrauchte Brennelemente gegen Einwirkungen von außen werde hauptsächlich durch die Sicherheitseigenschaften der Transport- und Lagerbehälter bestimmt. Die Untersuchungen an Castor-Transport- und Lagerbehältern hätten eindeutig gezeigt, dass die Sicherheitsfunktionen auch im Fall von Explosionen, Flugzeugabstürzen und mehrstündigen Brandeinwirkungen erhalten blieben.

Überdies hebt Christ hervor, dass Sicherheit gegen Terror-Anschläge nur durch eine ganzheitliche Berücksichtigung aller beteiligten Systeme wie Flughafen, Flugzeug, Flugüberwachung, Gebäude und Anlage sowie Brand- und Katastrophenschutz erzielt werden könne. Dabei müsse es das vorrangige Ziel sein, den Missbrauch von Verkehrsflugzeugen als Waffen durch Terroristen zu verhindern.
  Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Flugzeug, Flugzeugabsturz, Terror, Terroranschlag, Unfall, Unglück, Sicherheit, Sicherheitstechnik, Bautechnik, Reaktor, Kernkraftwerk, Atomkraftwerk, Risiko, Wahrscheinlichkeit, Statik, Physik, Baustoff, Stahl, Beton, Deutschland, Verkehrswerkstatt
  Verkehrswerkstatt.de
Dieser Beitrag wird im Einvernehmen mit den Verlagen bzw. den Autoren vom Landesinstitut für Schule und Medien (ehemals Landesbildstelle Berlin) für die Verkehrswerkstatt genutzt. Texte und Abbildungen dürfen nur im Unterricht an öffentlichen Schulen genutzt werden. Ein kommerzieller Einsatz oder eine weitere Publikation ist ohne ausdrückliche Zustimmung in jedem Fall untersagt!
aktualisiert: 29.10.2003
 
   wir-in-berlin    Verkehrswerkstatt    Team    Post   ^   
 Pressearchiv der Verkehrswerkstatt - Ein Angebot auf dem Berliner Bildungsserver für Schulen